Interview

Dr. Sultan Alotaibi, MD MSc FESC FSCAI

16. Juni 2026

Dr. Sultan Alotaibi, MD MSc FESC FSCAI
Dr. Sultan Alotaibi

Interview mit Dr. Sultan Alotaibi, Interventioneller und struktureller Kardiologe, Leiter des primären PCI-Programms und Programmdirektor des Fellowship-Programms für interventionelle Kardiologie im Kardiozentrum des King Fahad Armed Forces Hospital, Dschidda, Saudi-Arabien

1. Was ist spezifisch für Hypertonie in der Golfregion?

Hypertonie in der Golfregion ist stark mit dem regionalen kardiometabolischen Profil verbunden: hohe Raten von Adipositas, Diabetes, Dyslipidämie, Bewegungsmangel und früh auftretenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Außerdem sehen wir Hypertonie in jungen Jahren, häufig kombiniert mit mehreren Risikofaktoren und nicht als isolierte Erkrankung. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Therapietreue. Viele Patienten sind asymptomatisch, beschäftigt und nicht überzeugt davon, dass sie eine lebenslange Therapie für eine Erkrankung benötigen, die sie nicht „spüren“.

2. Gibt es über die in RDN-Studien untersuchten hinaus weitere geeignete Patientengruppen?

Ja, aber sorgfältig ausgewählt. Über die klassische therapierefraktäre Hypertonie hinaus sehe ich Potenzial bei Patienten mit unkontrollierter Hypertonie und hohem kardiovaskulärem Risiko, insbesondere bei solchen mit Diabetes, bestehender koronarer Herzkrankheit, chronischer Nierenerkrankung (bei erhaltener Eignung), Herzinsuffizienz oder signifikanter Medikamentenintoleranz. Auch Patienten mit schlechter Therapietreue trotz wiederholter Aufklärung können relevant sein, vorausgesetzt sekundäre Ursachen wurden ausgeschlossen und eine ambulante Blutdruckmessung bestätigt die unkontrollierte Hypertonie.

3. Wie ist die Einstellung neu diagnostizierter Patienten gegenüber lebenslanger medikamentöser Therapie in der Golfregion?

Viele Patienten sind anfangs zurückhaltend. Die Vorstellung, täglich lebenslang Medikamente einnehmen zu müssen, wird oft als Zeichen von Krankheit oder Abhängigkeit wahrgenommen. Einige bevorzugen zunächst Lebensstiländerungen, manche beenden die Therapie, sobald sich der Blutdruck verbessert, und andere nehmen Medikamente nur unregelmäßig ein. Das macht Aufklärung essenziell. Wir müssen erklären, dass Hypertonie nicht nur eine Zahl ist, sondern ein langfristiges Risiko für Schlaganfall, Nierenerkrankung, Herzinsuffizienz und Herzinfarkt.

4. Könnte es Ansätze jenseits der traditionellen Überweisungswege geben?

Auf jeden Fall. Wir müssen über das bloße Abwarten von Überweisungen hinausgehen. Screening könnte in Diabetes-Ambulanzen, Adipositas-Kliniken, kardiale Rehabilitation, Primärversorgung, Apotheken, betriebsärztliche Programme und Gemeinschaftskampagnen integriert werden. Digitale Gesundheitslösungen, häusliche Blutdruckmessung und strukturierte, pflegegeleitete Hypertonieprogramme können ebenfalls helfen, unkontrollierte Patienten früher zu identifizieren. Im Golfraum können Krankenhäuser und große Gesundheitssysteme direkte Versorgungswege zwischen Hausärzten, Kardiologie, Nephrologie und interventionellen Hypertonieprogrammen aufbauen.

5. Wie bewerten Sie die ESC-Leitlinien 2024, die RDN auch bei unkontrollierter Hypertonie unter weniger als drei Medikamenten bei hohem kardiovaskulärem Risiko erlauben?

Ich halte das für sehr relevant für unsere Region, da viele Patienten im Golf bereits ein hohes kardiovaskuläres Risiko haben, bevor sie die klassische Definition einer „therapierefraktären Hypertonie mit drei Medikamenten“ erreichen. Diabetes, koronare Herzkrankheit, Dyslipidämie, chronische Nierenerkrankung und Adipositas sind sehr häufig. Ein breiterer Ansatz ist daher klinisch sinnvoll, insbesondere wenn der Blutdruck trotz angemessener Behandlung unkontrolliert bleibt und der Patient nach gemeinsamer Entscheidungsfindung eine gerätebasierte Therapie bevorzugt.

6. Wie relevant wird die Veröffentlichung des GIS Konsensus für RDN sein?

Sehr relevant. Internationale Leitlinien sind wichtig, aber regionale Empfehlungen bieten Ärzten und Kliniken einen praktischen Rahmen, der die Gesundheitssysteme, Überweisungswege, Patientenprofile und Erstattungsrealitäten im Golf widerspiegelt. Das GIS-Dokument kann helfen, Patientenselektion, Verfahrensanforderungen, Nachsorge und multidisziplinäre Zusammenarbeit zu standardisieren.

7. Was sind die wichtigsten Botschaften des Konsenspapiers?

Für mich sind die Kernbotschaften: RDN sollte als Ergänzung, nicht als Ersatz für Lebensstilmaßnahmen und medikamentöse Therapie betrachtet werden; die richtige Patientenauswahl ist entscheidend; unkontrollierte Hypertonie sollte objektiv bestätigt werden, vorzugsweise durch ambulante Blutdruckmessung; sekundäre Ursachen müssen ausgeschlossen werden; und der Eingriff sollte in erfahrenen Zentren mit strukturierter Nachsorge durchgeführt werden. Der Konsens bekräftigt außerdem, dass RDN keine experimentelle Kuriosität mehr ist, sondern eine Therapie, die angemessene Steuerung und verantwortungsvolle Umsetzung erfordert.

8. Wie ist die Wahrnehmung von RDN bei verschiedenen Stakeholdern?

Ich würde es so einschätzen:

  • Interventionelle Kardiologen: Generell interessiert, da das Verfahren katheterbasiert und technisch vertraut ist. Herausforderung ist es, Überenthusiasmus zu vermeiden und die richtige Patientenauswahl sicherzustellen.
  • Kardiologen: Oft vorsichtig positiv, insbesondere bei Hochrisikopatienten mit unkontrollierter Hypertonie. Sie benötigen Vertrauen in Evidenz, Langzeitwirkung, Sicherheit und Versorgungswege.
  • Nephrologen: Ihre Beteiligung ist essenziell. Einige sind vorsichtig aufgrund von Sicherheitsaspekten der Nierenarterien, CKD-Fragen und der Abklärung sekundärer Hypertonie. Zusammenarbeit ist entscheidend.
  • Hausärzte und Internisten: Das Bewusstsein ist wahrscheinlich begrenzt. Sie benötigen einfache Überweisungskriterien und Aufklärung, welche Patienten profitieren könnten.
  • Patienten: Viele finden die Idee attraktiv, die Blutdruckbelastung ohne zusätzliche Medikamente zu senken, müssen aber verstehen, dass RDN keine Heilung ist und Medikamente nicht automatisch abgesetzt werden können.
  • Öffentlichkeit: Geringes Bewusstsein. Die Kommunikation sollte vorsichtig erfolgen und nicht den Eindruck vermitteln, es handle sich um eine „Einmal-Lösung“ für Hypertonie.

Diese Wahrnehmungen sollten durch Aufklärung, gemeinsame Stellungnahmen von Fachgesellschaften, multidisziplinäre Kliniken, fallbasierte Workshops, Patientenmaterialien in Arabisch und Englisch sowie klare Überweisungsalgorithmen adressiert werden.

9. Wie besprechen Sie RDN mit geeigneten Patienten?

Ich erkläre, dass RDN eine zusätzliche Behandlungsoption für Patienten ist, deren Blutdruck trotz guter Versorgung unkontrolliert bleibt oder die Schwierigkeiten mit Medikamentenbelastung oder -verträglichkeit haben. Ich betone, dass es keine Wunderheilung und kein Ersatz für einen gesunden Lebensstil ist. Ich bespreche die zu erwartende Blutdrucksenkung, die Verfahrenssicherheit, die Notwendigkeit der Nachsorge und die Möglichkeit, dass weiterhin Medikamente notwendig sind. Mein Rat an Kollegen: ausgewogen bleiben – weder überverkaufen noch ablehnen – und Patienten sorgfältig auswählen.

10. Was halten Sie von ultraschallbasierter renaler Denervation?

Ultraschall-RDN ist attraktiv, da sie eine zirkumferente Energieabgabe mit standardisiertem Ansatz ermöglicht. Aus prozeduraler Sicht sind Konsistenz und Einfachheit wichtig, insbesondere wenn die Therapie von Studien in die breitere klinische Praxis übergeht. Patienten können in der Regel unter leichter (bewusster) Sedierung und nicht unter Vollnarkose behandelt werden. Entscheidend bleiben jedoch die geeignete Anatomie, die Ausbildung der Operateure und eine strukturierte Nachsorge. Technologie ist wichtig – aber die Patientenauswahl ist wichtiger.

11. Wie sehen Sie die Zukunft der RDN in der Region und weltweit?

RDN ist Teil des Behandlungsweges bei Hypertonie, insbesondere bei therapierefraktärer Hypertonie und unkontrollierter Hypertonie bei Hochrisikopatienten. Im Golfraum ist der Bedarf aufgrund der hohen Prävalenz von Diabetes, Adipositas und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erheblich. Weltweit wird die Zukunft von Langzeitdaten zur Wirksamkeit, Kosten-Nutzen-Aspekten, Erstattung und Integration in multidisziplinäre Versorgung abhängen. RDN ersetzt keine Medikamente, bietet aber eine wichtige zusätzliche Option für ausgewählte Patienten.